Dresdner SC – SG Striesen 2:1 (0:1)

Dresdner SC: Schouppe – Nguyen (78. Brosche), Kluge, Fuchs, Käseberg, Sieradzki – Al Akied (67. Hoffstadt), Hänisch, Müller, Milic – Rösner (89. Schütze)
SG Dresden Striesen: Tippner – Böhme, Arnold, Kausch, Harbaum – Koch (71. Eckhardt), Schulz, Kowaltschik, Hornig , Dietze – Albrecht (63. Werner)
Tore: 0:1 Koch (4.), 1:1, 2:1 Rösner (50., 82.)
ZuschauerInnen: 321 (Heinz-Steyer-Stadion)
Bericht:
Sensation folgt auf Sensation und die Sportclub-Seele fühlt sich gebauchmietzelt, wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Die Presse schäumt vor Lobpreisungen der mohnroten Wundertruppe und die Tageskassen werden eingerannt von begeisterten Fußballenthusiasten aus allen Teilen der Republik. Eine bessere Werbung kann es für den mohnroten Fußballkult nicht geben.

Während es 999 unverbesserliche ZuschauerInnen vorzogen, sich im Stadion des Nachbarn das zeitgleiche Aufeinandertreffen zweier Kunst-Produkte aus den Laboren der fußballfeindlichen SED-Politik im sich traditionsreich dünkenden Ost-Plastico zu beäugen, entschieden sich immerhin 320 Vernünftige für den traditionellen Fußballtempel der Stadt, in dem die zwei größten Traditionsvereine Dresdens ihre Klingen kreuzten. Dabei ist die Geschichte der Derbies zwischen den Ost- und Westdresdnern fast genauso kurz, wie die des derzeitigen Stadtprimus‘. Denn bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren Duelle zwischen Mannschaften beider Vereine nicht möglich. Während der Sportclub im DFB kickte, rangen die Ost-Dresdner im ATSB und dem kommunistischen Rotsport-Verband um ihre eigenen Meisterschaften. Sage und schreibe fünf deutsche Meistertitel konnte die heute als SG Striesen ausgegliederte Fußballabteilung des Dresdner SV 1910 in den 20er und bis 1933 gewinnen.

Erst im von der FDJ organisierten Spielbetrieb traf die SG Dresden-Friedrichstadt in der Bezirksliga Dresden in der Saison 1946/47 erstmalig auf die SG Dresden-Striesen. Zudem führte die Auslosung des FDGB-Pokal-Achtelfinals der Saison 1949/50 zu einem brisanten Duell zwischen der BSG Sachsenverlag Dresden und der BSG der Vereinigten Volkseigenen Betriebe Tabak Dresden (ehemals SG Striesen). Brisant war dieses Duell vor allem, weil nur wenige Wochen zuvor die SG Dresden-Friedrichstadt von der SED zwangsaufgelöst und ein Anschluß an Tabak verfügt wurde, die daraufhin den Platz der SG Friedrichstadt in der Oberliga erhalten sollte. Allerdings weigerte sich die Friedrichstädter Oberliga-Mannschaft und floh zur Hertha nach Berlin, während sich der Rest der BSG Sachsenverlag auf dem anderen Ufer der Elbe anschloß.

Das gestrige Aufeinandertreffen im Landespokal stellte ein absolutes Novum in der Geschichte eines Derbys dar, das mit gutem Gewissen als friendly Derby bezeichnet werden könnte, weil zwischen beiden Clubs so gut wie keine Animositäten bestehen. Die Striesener gingen als klassenhöhere Mannschaft auf dem Papier als Favorit in die Partie. Allerdings konnte das geschulte Auge schnell erkennen, dass die Verletzungsmisere, von der beide Mannschaften gleichermaßen geplagt wurden, auf beiden Seiten sichtliche Spuren in der Aufstellung hinterlassen hatte und auch dem Spielniveau nicht gerade förderlich war.

Zudem begann der Sportclub in Anbetracht seiner Underdog-Stellung zurückhaltend und ließ die Striesener agieren. Der SGS gehörte in der ersten Halbzeit folgerichtig die Feldüberlegenheit, die aber kaum in einem großen Übergewicht an Chancen Ausdruck fand. Beim Führungstreffer für die Gäste half der Zufall kräftig mit, zunächst verschätzte sich Kluge bei einem hohen Ball, dann grätschte Käseberg den Ball ohne Gegnerdruck an den Pfosten, von wo er vor die Füße von Maxi Koch prallte, der unbedrängt einschieben konnte. Der Rest des ersten Durchgangs plätscherte dahin und der Sportclub ging ohne echte Torchance in die Pause.

Dort fand das Trainerteam die passenden Worte und die Sportclub-Elf fasste neues Zutrauen. Plötzlich war eine ganz andere Intensität auf dem Platz zu spüren, geleitet vom Willen ins Achtelfinale vorzustoßen um mit dem nötigen Losglück einen großen Fisch aus dem Topf zu ziehen. Die Striesener wachten erst viel zu spät aus ihrer Lethargie auf und konnten der Derbystimmung nicht mehr viel entgegen setzen.

Zudem kam der Sportclub mit einem Paukenschlag aus der Pause. Olaf Sieradzki wurde auf dem Flügel schön freigespielt und seine Eingabe in den Strafraum fand Goalgetter Franz Rösner, der in klassischer Gerd Müller Manier den umjubelten Ausgleich erzielte. Die Hausherren hatten jetzt das Momentum auf ihrer Seite. Hannes Müller fasste sich aus großer Entfernung ein Herz und hämmerte den Ball auf’s Tor Tom Tippners, der den allerdings zu zentral geschossenen Ball mit viel Bohei zur Ecke klären konnte. Nur wenige Augenblicke später war erneut der wiederauferstandene Müller zur Stelle, der durch die roten Reihen tanzte und in aussichtsreicher Position nur per Foul gestoppt werden konnte. Den fälligen Freistoß setzte Sieradzki knapp über den Winkel.

Mit zunehmender Spieldauer schafften es die Weißhemden ihre schwindenden Kräfte mit herausragendem Kampfgeist zu kompensieren. Die Striesener, die durchaus noch zwei große Chancen zur erneuten Führung auf dem Fuß hatten, wurden mehrmals im entscheidenden Moment gestört und am Ende stand da noch dieser Teufelskerl Schouppe im Tor, der seine Mannen mit unsagbaren Reflexen im Spiel hielt.

Mit bangem Blick auf die Uhr und in Richtung Nachspielzeit brachte ein Geistesblitz von Enno Kluge, seines Zeichens Fels in der brandenden Sportclub-Defensive, einen bereits geklärten Ball mit dem Kopf wieder in Richtung des Striesener Gehäuses. Von seinem einmaligen Instinkt geleitet, hatte Sturmtank Rösse den Braten Gerochen und war seinen Bewachern entkommen. Alleine auf Tippner zu dribbelnd knallte der Mann mit der Nummer 41 den Ball mit seinem linken Schlappen in den rechten Winkel. Ungläubiges Staunen mischte sich mit extatischem Jubel, während Rösse seine oberkörperfreie Ehrenrunde absolvierte und die heruntergeklappten Kinnladen hochdrückte.

Noch ein paar ekelige Situationen galt es zu überstehen, ehe der Dresdner Sportclub als Sieger dieser kampfbetonten Pokalpartie vom Platz gehen konnte. In einer ausgeglichen und immer spannenden Partie überwog in der zweiten Halbzeit der Wille zum Sieg bei den Hausherren, die sich mit einer leidenschaftlichen Leistung den Einzug ins Achtelfinale redlich verdienten.

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